Antisemitismus

Unter Antisemitismus ist die pauschale Ablehnung der Juden und des Judentums zu verstehen. Seinen Ausdruck fand und findet Antisemitismus in der Verleumdung, Ausgrenzung, Diskriminierung, Verfolgung und Vertreibung bis hin zu Versuchen der Vernichtung von jüdischen Menschen. Und gipfelte im Nationalsozialismus in der Shoa*, dem systematischen Ermorden von sechs Millionen Jüdinnen und Juden. Dabei ist Antisemitismus kein Phänomen der Moderne, sondern lässt sich etwa 2500 Jahren zurückverfolgen. Antisemitismus ist ein Oberbegriff für unterschiedliche Erscheinungsformen von Feindschaft gegenüber Jüdinnen und Juden: Die christliche Judenfeindschaft (1. Jahrhundert) entstand mit der Herausbildung des Christentums. Die Judenfeindschaft aus ökonomischen Motiven (14. Jahrhundert) erhält ihre Bedeutung im Frühkapitalismus und der Bedeutungszunahme von Geldhandel. Der Moderne Antisemitismus (19 Jahrhundert) entwickelt sich im Zusammenhang mit grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen. Moderner Antisemitismus ist ein Oberbegriff, der sich aus verschiedenen Formen des Antisemitismus zusammensetzt. Diese Formen sind der rassistische und völkisch-nationalistische Antisemitismus, der kapitalistische und antikapitalistische Antisemitismus und der verschwörungstheoretische Antisemitismus. Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus (1945) entstand der bis heute wirkende Sekundäre Antisemitismus. Mit der Ausrufung des Staates Israel kommt der israelfeindliche Antisemitismus auf.
* Shoa (wörtlich: »Zerstörung«, »große Katastrophe«) ist die hebräische Bezeichnung für den systematischen Massenmord an etwa sechs Millionen Jüdinnen und Juden und der jüdischstämmigen Bevölkerung Europas im Nationalsozialismus. Shoah wird synonym zu dem Begriff Holocaust verwendet, der aus dem griechischen kommt und „vollständig Verbranntes“, „Brandopfer“ bedeutet.

 

Arbeitsdefintion zu Antisemtismus

Die im Jahr 2004 von European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia (EUMC), der Vorgängerorganisation der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA), gemeinsam mit zahlreichen NGOs entwickelte „Arbeitsdefinition Antisemitismus“ ist seit 2014 Grundlage des Projekts „Berliner Register“. Der Verein für Demokratische Kultur in Berlin e.V. hat die „Arbeitsdefinition“ für diesen Zweck an wenigen Stellen ergänzt und nach Spielarten des Antisemitismus gegliedert, was die thematische Kategorisierung der Vorfälle erleichtert.
Der Antisemitismus beschreibt gesellschaftlich tradierte Wahrnehmungen eines fremd konstruierten jüdischen Kollektivs. Die Wirkmächtigkeit dieser Fiktionen zeigt sich in der Verbreitung antisemitischer Einstellungen, öffentlicher Debatten und kann sich als Hasse gegenüber Juden_Jüdinnen ausdrücken. [Ergänzung: VDK]
Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und / oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.
Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein. Oft enthalten antisemitische Äußerungen die Anschuldigung, die Juden_Jüdinnen betrieben eine gegen die Menschheit gerichtete Verschwörung und seien dafür verantwortlich, dass „die Dinge nicht richtig laufen“. Der Antisemitismus manifestiert sich in Wort, Schrift und Bild sowie in anderen Handlungsformen, er benutzt negative Stereotype und unterstellt negative Charakterzüge.

Grundzüge antisemitischer Erscheinungsformen

  • Der Aufruf zur Tötung oder Schädigung von Juden_Jüdinnen im Namen einer radikalen Ideologie oder einer extremen Religionsanschauung.
  • Die Darstellung jüdischer Religionsausübung als Ausdruck einer archaischen Kultur.
  • Fremdkonstruktion eines jüdischen Kollektivs mit spezifischen körperlichen und charakterlichen Eigenschaften [Ergänzung: VDK]

Moderner Antisemitismus

  • Falsche, dämonisierende oder stereotype Anschuldigungen gegen Juden_Jüdinnen oder die geheime jüdische Macht – insbesondere die Mythen über eine jüdische Weltverschwörung oder über die Kontrolle der Medien, Wirtschaft, Regierung oder anderer gesellschaftlicher Institutionen durch die Juden_Jüdinnen.
  • Das Verantwortlichmachen der Juden_Jüdinnen als Volk für das (tatsächliche oder unterstellte) Fehlverhalten einzelner Juden_Jüdinnen, einzelner jüdischer Gruppen oder von Nicht-Juden_Jüdinnen.

Nachkriegsantisemitismus1

  • Das Bestreiten der historischen Tatsache, des Ausmaßes, der Mechanismen (z.B. der Gaskammern) sowie der Vorsätzlichkeit des Völkermordes an den Juden_Jüdinnen durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Unterstützer_innen und Kompliz_innen während des Zweiten Weltkrieges (Holocaust).
  • Die Behauptung Juden_Jüdinnen seien für den Holocaust selbst verantwortlich.
  • Der Vorwurf gegenüber dem jüdischen Volk oder dem Staat Israel, den Holocaust übertrieben darzustellen oder erfunden zu haben.
  • Schuldabwehr drückt sich in der Empörung über und die Zurückweisung von Positionen und Denkzeichen, die an die nationalsozialistischen Verbrechen an den Juden_Jüdinnen erinnern, aus. Sie treten häufig gemeinsam mit Verhöhnungen der Opfer auf. [Ergänzung: VDK]

Israel-bezogener Antisemitismus

  • Der Vorwurf gegenüber Juden_Jüdinnen, sie fühlten sich dem Staat Israel oder angeblich bestehenden weltweiten jüdischen Interessen stärker verpflichtet als den Interessen ihrer jeweiligen Heimatländer.
  • Das Abstreiten des Rechts des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung, z.B. durch die Behauptung, die Existenz des Staates Israel sei ein rassistisches / koloniales Unterfangen. [Ergänzung: VDK]
  • Die Anwendung doppelter Standards, indem man von Israel ein Verhalten fordert, das von keinem anderen demokratischen Staat erwartet und verlangt wird.
  • Das Verwenden von Symbolen und Bildern, die mit traditionellem Antisemitismus in Verbindung stehen (z.B. der Vorwurf des Christusmordes oder die Ritualmordlegende), um Israel oder die Israelis zu beschreiben.
  • Vergleiche der aktuellen israelischen Politik mit der Politik der Nationalsozialisten – diese Form hat in Deutschland zudem die Funktion sich von der als moralische Last empfundenen NS-Geschichte zu befreien. [Ergänzung: VDK]
  • Das Bestreben, alle Juden_Jüdinnen kollektiv für Handlungen des Staates Israel verantwortlich zu machen.


Straftaten sind antisemitisch, wenn die Angriffsobjekte, seien es Personen oder Sachen – wie Gebäude, Schulen, Gebetsräume und Friedhöfe – deshalb ausgewählt werden, weil sie jüdisch sind, als solche wahrgenommen oder mit Juden_Jüdinnen in Verbindung gebracht werden.
Antisemitische Diskriminierung besteht darin, dass Juden_Jüdinnen Möglichkeiten oder Leistungen vorenthalten werden, die anderen Menschen zur Verfügung stehen.

1Der Begriff Nachkriegsantisemitismus wurde anstatt des Begriffes sekundärer Antisemitismus verwendet, da die selben alten antisemitischen Vorstellungen auch nach 1945 weiter wirkten und sich lediglich an die aktuellen politische und gesellschaftliche Situation anpassten. vgl.: Schwarz-Friesel/Reinharz, 2013, S. 95 ff..

Dokumente:
EUMC, Arbeitsdefinition Antisemitismus. 2004. in: http://european-forum-on-antisemitism.org/definition-of-antisemitism/deutsch-german, zuletzt aufgerufen am 12.02.2014.
Lieteratur: Schwarz-Friesel, Monika/Jehuda Reinharz: Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert. Berlin, 2013.